Die Hörspielwelt wird größer und bunter!

Mit dem neuen Jahr habe ich euch neue Inhalte versprochen. In diesem Sinne: Hallo und herzlich willkommen zu einem Beitrag aus der Kategorie "Was euch nur marginal interessiert, mich aber dafür umso mehr". 


Drei Worte zum Einstieg: Ich bin nicht nur Leser und Autor, sondern auch ein riesiger Fan von Hörspielen und -büchern aller Art. Diese Leidenschaft begleitet mich seit dem ersten "Töröö" und hat nie nachgelassen, auch wenn es natürlich Jahre gab, in denen ich den Besitz gewisser Kassetten auch unter Androhung von Folter nicht gestanden hätte. 

 

Dankenswerterweise bin ich nicht allein: Aus den Kindern, die früher begeistert Fünf Freunde und Die Drei Fragezeichen gehört haben, sind Erwachsene geworden, die immer noch mitsammeln, immer noch im Boot sind und immer noch neue Leidenschaften entdecken. Entsprechend groß ist inzwischen der Markt für Hörbücher, aber auch eben für Hörspiele für Erwachsene. Seit Jahren strömen neue Serien auf den Markt, manche überleben, andere nicht. 
Worauf ich an dieser Stelle aufmerksam machen möchte, ist die Tatsache, dass sich inzwischen unser aller Lieblingsgenre ganz hintergründig ebenfalls in die Welt der Hörspiele drückt. Das ist zum einen natürlich eine sehr positive Entwicklung, weil sie etwas über die Akzeptanz von queeren Charakteren sagt. Zum anderen bedeutet es aber auch schlicht, dass es cooles Material zu entdecken gibt. 

Zwei Schätzchen sind mir in letzter Zeit über den Weg gelaufen, die ich euch gern vorstellen möchte.
Zum einen wäre da eine der jüngeren Folgen des Gruselkabinetts. Diese Reihe läuft seit vielen Jahren und beschäftigt sich - wie der Name schon sagt - mit Horror- und Gruselgeschichten der alten Schule. Reihenweise Klassiker wurden engagiert und mit sehr schöner musikalischer Untermalung neu inszeniert. Ich habe inzwischen die gesamte Reihe und viel Freude daran, sie wieder und wieder von vorn zu hören.
Mit der Folge 129 wurde nun die Kurzgeschichte "Manor" von Karl Heinrich Ulrichs in Wort und Musik umgesetzt, eine dramatische Liebesgeschichte um zwei - Obacht - Fischerjungen von den Faröer-Inseln, die sich über den Tod hinaus nacheinander sehnen.

Es ist nicht die erste Geschichte der Reihe, in der homoerotische Töne mitschwingen, aber die erste, in der die Liebe zwischen zwei Männer ganz offen und vorurteilsfrei dargestellt wird.

(Für die, die es interessiert: Der Autor Ulrichs hat im 19. Jahrhundert gelebt und gilt als einer der ersten Männer der neueren Zeit, die sich öffentlich geoutet haben.) 

Zum anderen wären da Mr. Oscar Wilde und Mr. Mycroft Holmes aka "Wilde & Holmes - Sonderermittler der Krone". Der eine oder andere wird jetzt mit Sicherheit genauso verwundert die Augenbraue hochziehen wie ich, als ich damals auf die neue Serie unter genau jenem - zugegeben wenig kreativen - Titel stieß. Was zum Teufel haben Oscar Wilde als historischer Charakter und Mycroft Holmes, Bruder des lieben Sherlock und aus der Feder von Sir Arthur Conan Doyle stammend, miteinander zu tun?
Ganz einfach: In dieser Hörspielproduktion arbeitet Mycroft Holmes für die Britische Krone. Er besetzt eine Position zwischen den verschiedenen Geheimdiensten und bemüht sich um alle Fälle, denen etwas Mystisches anhaftet. Dafür setzt er Agenten ein, die er auf mehr oder minder nette Weise in seinen Dienst bestellt hat. 

Das wiederum bringt uns zu Oscar Wilde, der in der ersten Szene der ersten Folge gleich mal mit einem Gespielen ertappt und ins Gefängnis geworfen wird. Bis zu dieser Stelle stimmt seine Biographie mit der des berühmten Autors überein. Nur lassen die Macher das Hörspiels ihn eben nicht im Arbeitslager schmoren, bis er mit ruinierter Gesundheit und demolierten Ruf entlassen wird, nur um bald darauf verarmt zu sterben.

Nein, Mycroft lässt ihm die Wahl: Er kann sich der Homosexualität anklagen lassen - oder er tritt in den Dienst der Britischen Krone, um zu helfen, die Bedrohung durch eine geheimnisvolle Gruppierung abzuwenden. Selbiger ist jedes Mittel recht, um das Empire zu stürzen. Entsprechend verzweifelte Maßnahmen sind nötig, um sie zu bremsen. 
Zugegeben: Viele der Ansätze der bisherigen Folgen sind altbekannt. Wir treffen auf Märchen- und Legendenadaptionen, vieles bewegt sich inhaltlich auf dem Level klassischer Groschenromane. (Was sie aber nicht weniger unterhaltsam macht.) Leben tut die Serie jedoch von dem genialen Gezänke zwischen Mycroft und Oscar. Mr. Holmes lässt keine Gelegenheit aus zu betonen, wie sehr ihn die "Lebensart" des Schriftstellers anwidert - und der lässt wiederum keine Gelegenheit aus, Mycroft Holmes über den Mund zu fahren und ihn rhetorisch zur Schnecke zu machen.
Besonders spannend finde ich, wie Sprecher Sascha Rotermund (unter anderem Synchronsprecher von Benedict Cumberbatch) den lieben Herrn Wilde zum Leben erweckt: Während heiterer Szenen stellt er ihn oft sehr dramatisch dar. Er kokettiert mit dem Klischee des effeminierten Mannes, seufzt und quiekt und tut alles, um seine Farbigkeit zu betonen. Aber sobald Mr. Wilde ernst wird, fällt diese "Rolle in der Rolle" von ihm ab. Die Sprache ändert sich, wird zielgerichtet, scharf und zwischenzeitlich sogar aggressiv. 
Dadurch - und natürlich durch die entsprechenden Dialoge - wirkt Wilde unglaublich vielschichtig. Er stellt sich als jemand dar, der er nur in Teilen ist - und dadurch überrumpelt er die Menschen seiner Zeit. Zum Beispiel hat man immer wieder den Eindruck, dass er Flirt und Koketterie als Waffe gegen Männer einsetzt, die sich mit seiner Bisexualität schwer tun. 

Alles in allem fiebere ich inzwischen jeder neuen Folge aus dem Haus "Maritim" entgegen und je mehr von euch ich anfixen kann, desto höher die Chance, dass die Serie noch lange weiterlaufen wird. ;) 

In diesem Sinne, riskiert doch mal ein Ohr!
Die besten Wünsche,
Raik 

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Kommentare: 4
  • #1

    Piccolo (Dienstag, 16 Januar 2018 15:33)

    Mann, den Beiträg hätte ich mal schon gestern lesen sollen. Dann hätte ich gleich einen dieser Titel meiner Bestellung zufügen können. Egal, nächsten Monat bestelle ich ja wieder für die Bibliothek.

    LG Piccolo

  • #2

    Kerstin (Dienstag, 23 Januar 2018 12:34)

    Hallo Raik,

    danke für die Empfehlung. Das erste Hörspiel war schon mal sehr gut (ich liebe Oscar <3) und ich bin gespannt, wie es weitergehen wird :3

    Liebe Grüße,
    Kerstin

  • #3

    Peggy (Dienstag, 06 Februar 2018 12:56)

    Hallo.

    Habe mich total gefreut, als ich gelesen habe, dass du Hörbücher/Hörspiele auch magst. :)
    Deine Tipps werde ich mir bald holen und hören. Ich hoffe, es kommen noch mehr?

    Ich finde "Nur drei Worte" von Becky Albertalli übrigens richtig schön. :)

    lg Peggy

  • #4

    Raik (Samstag, 10 Februar 2018 12:34)

    Hallo ihr drei,

    ich war mir eigentlich sehr sicher, dass ich die KOmmentare schon beantwortet hatte, aber ... anscheinend nicht.
    Ich bin erfreut! Ich bin mit meiner Hörspielliebe nicht alleine!

    @Kerstin: Er ist zum Quieken, nicht wahr? ;) Ich habe mich gerade bei der neuesten Folge wieder schrecklich abgelegt.
    @Peggy: Ich bin ein Junkie. Ganz, ganz schlimm. Ich weiß nicht, wie viele Hörbücher ich hier in Zukunft präsentieren werde. Aber das eine oder andere Schmankerl wird sicher auftauchen. ;)
    Vielen Dank für den Tipp übrigens: ich werde da mal ein Ohr wagen. ;)
    @Piccolo: Traumjob Bücherei. *SEUFZ* Mehrs age ich dazu nicht. +g*

    GLG
    Raik