Würfel-was? Von was redet es?

Hallo miteinander,

 

heute habe ich einen kleinen Ausflug zum Thema "Das Würfelspiel der Götter" für euch vorbereitet. Ich habe seit der Ankündigung, das ich in diese Welt zurückkehre, die eine oder andere Nachfrage erhalten, von was ich da eigentlich rede - und warum einige User deshalb so steilgehen. ;)

Das hat mir noch einmal bewusst gemacht, dass viele von euch Lesern eben nicht mehr zur "ursprünglichen" Online-Leserschaft gehören, sondern dass sich viele neue Bücherwürmer eingefunden haben, denen die Namen Ciaran, Kjell und Silvius gar nichts sagen. 

Daher lasst mich euch hier an dieser Stelle einen kurzen Einblick geben. 

Das Würfelspiel der Götter ist ein Projekt, an dem ich schon seit vielen Jahren arbeite. Es verbindet meine Leidenschaft für Historie mit einem geographischen Zufall, nämlich damit, dass ein Vorort meiner Heimatstadt inzwischen als einer der mutmaßlichen Standorte der berühmten Varusschlacht gilt.

Für diejenigen, die mit diesem Thema nicht so vertraut sind: Im Jahr 9 nach Christus war der germanische Statthalter Varus mit drei Legionen auf dem Weg ins Winterquartier, als sie von heimischen Kriegern überfallen und weitestgehend aufgerieben wurden. Diese Schlacht (eigentlich waren es mehrere Überfälle) ist in die Geschichte eingegangen, da es sich wohl um die erste große Niederlage des Römischen Reichs handelte und dessen Erhabenheit einen ordentlichen Dämpfer verpasste. Immerhin waren es in den Augen der Römer kulturlose Banausen, die sie vernichtend geschlagen hatten. Zudem waren die Verluste für die damalige Zeit unglaublich hoch. Im Vergleich zur damaligen Bevölkerung war der Verlust der zweieinhalb Legion so, als hätte man mal eben einen Millionenstadt ausgelöscht. 

Die Varusschlacht und mit ihr der Drahtzieher Arminius oder auch Herrmann der Cherusker sind in der Vergangenheit oft glorifiziert worden - gerade in Deutschland -, auch wenn ich persönlich nicht denke, dass es so wahnsinnig heldenhaft ist, Reisende in den Sumpf zu treiben und abzuschlachten.... Aber ich bin ja auch ein Kind der Neuzeit und habe daher einen etwas anderen Blickwinkel auf solche Massaker. 

Wie dem auch sei: Ich war noch relativ jung - Grundschule etwa -, als bei uns in der Stadt der große Römer-Hype begann. Dahinter steckte eine Reihe Funde, die auf einem Acker gemacht worden waren, und archäologische Ausgrabungen nach sich zogen, die weitere - teilweise sehr spekakuläre - Funde ans Licht brachten. Die Latein- und Geschichtslehrer nahmen den Aufhänger gern in Anspruch, und schon war ich irgendwie angefixt. 

 

Eine Geschichte zu erzählen, die sich mit dieser Zeit und besonders den Nachwehen dieses historischen Ereignisses beschäftigt, lag daher nahe. Über die Jahre ist das Projekt gewachsen, umgeschrieben, beiseite gelegt, wieder hervorgeholt, begutachtet und vor allen Dingen innig geliebt worden.

Mit Ciaran, der zwar keltischer Abstammung ist, aber als stolzer Römer aufwuchs, und dem Germanen Kjell, der sich direkt nach den Überfällen auf die Legionen in böse Schwierigkeiten gebracht hat, treffen zwei Welten aufeinander. Die Denkweisen widersprechen sich, und dass die römische Propagandamaschine damals sehr fleißig war, hilft anfangs auch nicht.

Ciaran muss begreifen, dass die Römer vielleicht gar nicht so großartig und die "Wilden" nicht ganz so wild sind, wie er immer dachte, und Kjell... Kjell muss feststellen, dass die Welt weit größer und vielfältiger ist, als er in den heimischen Wäldern gelernt hat.

 

Übrigens, ein Wort zum Thema "Germanen". Ich verwende diesen Begriff zwischenzeitlich, auch wenn er nicht historisch korrekt ist. In unseren Geschichtsbüchern wird oft immer noch der Eindruck forciert, dass die "Germanen" ein großer, vereinter Volksstamm waren. Auch der Ablauf der Varusschlacht unterstützt diese These.

In Wirklichkeit handelte es sich bei den "Germanen" aber um viele kleine Volksgruppen und Stämme, die mitnichten miteinander verbunden und sich auch nicht sehr freundschaftlich gesonnen waren. Dass es Arminius einmalig gelang, viele der Stämme zu vereinigen, war eine Besonderheit und sicher der Schlüssel zum Sieg, aber ist eben kein Beleg dafür, dass es ein geschlossenes Volk der "Germanen" gab. Tatsächlich würde sich ein Bewohner dieses Landes aus damaliger Zeit nicht einmal angesprochen fühlen, wenn man ihm "He da, Germane" nachrufen würde.

 

Das bringt mich zum Thema Recherche und Korrektheit der Daten. Ich sage es ganz ehrlich: Obwohl ich mir für dieses Projekt den Arsch aufgerissen und verdammt viele Museen besucht, noch mehr gelesen, Fragen gestellt, gestrichen und neu geschrieben habe, kann ich keine historische Korrektheit garantieren.

Ich gebe mir jede Mühe, weil mir das Thema wichtig ist und mancher Konflikt auch nur dann zu begreifen ist, wenn ich dem Leser ein Gefühl für die damalige Welt vermitteln kann. Aber fehlerlos werde ich nicht davonkommen.

Ein Grund - neben offensichtlichen Dummheiten meinerseits - ist die schiere Masse an teilweise widersprüchlichen Informationen, die sich nicht immer klar datieren lassen, ein anderer das vollständige Fehlen von gesicherten Daten. Letzteres betrifft besonders die Darstellung der "Germanen". Es gibt über diese Menschen einfach keine Quellen aus erster Hand. Heißt, alles, was wir über die Germanen zu wissen glauben, stammt aus den Hinterlassenschaften anderer Völker, besonders der Römer.

Lange wurde daher auch von Historikern das Bild eines kriegerischen, zurückgebliebenen Volks von Wilden gezeichnet, dem Kunst, Kultur und besonders Fortschritt vollkommen fremd war. Diese Darstellungen gehen jedoch auf einige wenige Texte zurück, die durch die damalige politische Lage verfärbt wurden. Natürlich hat man in Rom nicht verbreitet, dass die "Germanen total nette Kerle sind, aber wir wollen nun mal expandieren, also müssen sie sich unterwerfen oder sterben." Nein, man hat sie als rückständig dargestellt und als ein Volk, das dringend vom väterlichen Rom.... erzogen werden muss. 

Versteht mich nicht falsch: Ich behaupte sicher nicht, dass unsere Vorfahren ein gemein verleumdetes Volk waren, deren große Errungenschaften allesamt böswillig unter den Teppich gekehrt wurden. Aber sie waren auch keine Wilden. Sie trieben Handel, sie versuchten ein sehr urwüchstiges Land urbar zu machen - damals bestand die Fläche von Deutschland zu 95 Prozent aus Urwald -, sie hatten eine Währung - Schmuck, den sie am Körper trugen -, lebten eine Religion und kannten Lieder und Geschichten. Dass vieles davon nicht überliefert wurde und erst in den letzten Jahrzehnten durch mühsame Kleinarbeit rekonstruiert werden konnte, heißt nicht, dass es nicht existiert hat.

Ich kann nicht oft genug Hans-Peter Hasenfratz, einen Professor für Religionswissenschaften, zitieren, der 1992 sinngemäß schrieb: "Um sagen zu können, was germanisch ist, müssten wir erst einmal wissen, wer die Germanen überhaupt waren." 

In diesem Sinne habe ich mir an dieser Stelle ein Reihe Freiheiten herausnehmen müssen. Zum Beispiel lasse ich Kjell an Götter glauben, deren erste schriftliche Erwähnung einige Hundert Jahre nach der Handlung liegt. Ich gehe an dieser Stelle einfach davon aus, dass die Geschichten und der Glaube an Wodan und Co. älter sind als die schriftlichen Belege. 

Ob das korrekt ist? Nö. Es ist ein Gedankenspiel, eine schriftstellerische Freiheit - oder von mir aus Frechheit.  Also bitte bezieht euch nicht in eurer nächsten Geschichtsklausur auf mich. :P

Wo ich gerade schon wieder ins Reden komme, fällt mir auch ein: Bisher hat das Manuskript über 300 000 Wörter. Und es ist nicht beendet.

Ob es als Roman genauso dick sein wird? Nein.

Die Anfänge des Würfelspiels liegen in einer Zeit, in der ich sogar noch ausschweifender erzählt habe als heute. (Ja, das geht!) Also wird es Kürzungen geben. Inhaltlich nicht, aber handwerklich. Manchmal drückt ein einzelner Satz eben doch dasselbe aus wie eine halbe Seite.  

Daher besteht meine Arbeit zur Zeit in erster Linie aus Streichen und Die-Hände-über-dem-Kopf zusammenwerfen. Ein bisschen was habe ich eben doch dazugelernt. ;)

 

Man sagt mir übrigens auch, dass lange Blogartikel nicht das Wahre sind. Daher schließe ich an dieser Stelle erst einmal und hänge euch noch eine kleine Galerie mit Fotos an. Es sind Aufnahmen, die ich über die Jahre in verschiedenen Museen gemacht habe und die mich immer wieder neu inspirieren und verzaubern. Nicht, dass ich wirklich "damals" hätte leben wollen, aber ich bewundere die Handwerkskunst der damaligen Zeit und besonders die Architektur und Schmiedekunst. 

Mal ehrlich: Wir haben seitdem schon eine Menge an Geschicklichkeit eingebüßt, oder? *bricht sich beim Unkrautrupfen die Fingernägel ab*

Bis bald und liebe Grüße
Raik 

 

PS: Was mir gerade einfällt: Es ist schon lustig, wie das Leben spielt. Heute wohne ich nicht mehr in der Nähe des vermeintlichen Schlachtorts, aber dafür auf Spuckweite zu Castra Vetera, das in der Nähe des heutigen Xanten lag... 

 

 

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Kommentare: 8
  • #1

    Piccolo (Mittwoch, 16 Mai 2018 07:55)

    Hallo Raik,

    das war ein überaus interessanter Artikel zum Würfelspiel und wie es seine Anfänge nahm. Ich bin wahrlich beeindruckt. Es ist sicherlich nicht all zu falsch, wenn ich behaupte, dass es dein Herzensprojekt ist.

    Ich für meinen Teil freue mich schon sehr auf das fertige Werk, egal wie dick es wird.

    Viele Grüße
    Piccolo

  • #2

    Krümel (Mittwoch, 16 Mai 2018 12:52)

    Hallo Raik,

    was lange währt... kann nur gut werden! Das ist doch mal ein Grund, sich trotz bestens Sommerwetters schon mal auf den Winter zu freuen :-) ! Auch wenn mir schleierhaft ist, wie Du unsere beiden chaotischen Helden zwischen zwei Buchdeckel quetschen willst - egal, ich nehme alles, vom 2000-Seiten-Wälzer bis zur x-bändigen Serie ;-D !

    Ich wünsche Dir viel Spaß beim Überarbeiten und daß die Arbeit gut flutscht (gaaaaanz uneigennützig natürlich ;-) )

    Lieben Gruß,
    Krümel

  • #3

    Anita (Mittwoch, 16 Mai 2018 22:25)

    Hallo Raik!
    Allein deinen kurzen Abriss hier zu lesen, lässt mich schon ganz ungeduldig werden. Ich freu mich riesig, wenn die Bücher endlich, endlich in meinen Regal landen dürfen. Einfach eine absolut großartige Geschichte:)
    Viel Spaß beim Überarbeiten und liebe Grüße mal nicht aus dem Emsland sondern aus dem herrlich alten Prag

  • #4

    Raik (Donnerstag, 17 Mai 2018 10:13)

    Huhu Piccolo,

    du wirst lachen, ich denke jetzt seit gestern Morgen darüber nach, ob du vielleicht recht haben könntest. Ob die Würfel wirklich mein Herzensprojekt sind.
    Und irgendwie ... Ja. Und nein. Denn irgendwie bin ich immer noch an einem Punkt, an dem ich nur Herzensprojekte habe. Ich könnte nicht sagen, dass mir eines davon weniger unter die Haut gegangen ist als ein anderes. Oder dass ich an einem mehr hänge. Es ist sind schon sehr... spezielle Verbindungen, die auch nicht immer gleich aussehen, aber bei jedem Buch vorhanden sind. Insofern: Herzensprojekt ja, aber alle anderen eben auch. *g*
    Ich vermute, dass sich das mit den Jahren relativieren wird. Vielleicht kommt dann der Tag, an dem ich "Reihenfolgen" bilden kann. Aber für den Moment sind mit jedem einzelnen Buch unendlich viele Erinnerungen verbunden.
    Ich glaube zum Beispiel, dass ich mich noch ewig an eine gewisse Szene aus diesem Buch erinnern werde, die nicht nur abartig lang war, sondern die ich auch unbedingt an dem Tag beenden wollte, obwohl sie mir emotional alles abverlangt hat. Ich weiß noch genau, dass ich am Ende alles nur noch hochgeladen habe und dann aufgestanden bin - und praktisch umgekippt bin. Getrunken hatte ich nix, dafür geheult, und irgendwann Kopfschmerzen vom anderen Stern bekommen. Ich bin danach nur noch ins Bett gekrochen und war froh, dass da ne Wasserflasche stand. Nix ging mehr. TILLLLLT. Als mein Mann nach Hause kam, dachte er, dass sonstwas vorgefallen ist. Schon weil ich so verheult war. Ich musste ihn dann erst mal aufklären. *G*

    Eh ja. Das dazu.

    GLG
    Raik

  • #5

    Raik (Freitag, 18 Mai 2018 13:29)

    Huhu Krümel,

    oh! Nicht das böse W-Wort sagen! Jedenfalls jetzt noch nicht. ;)
    Nein, mal im Ernst: Ich mag den Winter und auch sehr gern Schnee und Eis und Kälte. Aber wir hatten letztes Jahr praktisch gar keinen Sommer hier im Niederrhein und daher bin ich total sonnenheiß. Allerdings läuft es seit Mitte April auch schon echt rund und ich habe ein interessantes Muster auf dem Rücken, an dem man sämtliche Schnitte in meinem Kleiderschrank ablesen kann. *g*
    Egal: zum Thema Buchdeckel. Ich habe auch noch keine Ahnung. Was nicht zuletzt daran liegt, dass ich immer noch nicht weiß, was alles wegfällt und was dazukommt. Ich werde den Verlag also am Ende auch überraschen. ;) Aber ich sehe auch schon eine Ausgabe mit Schraubzwinge vor mir...

    GLG
    Raik

  • #6

    Raik (Freitag, 18 Mai 2018 13:31)

    Huhu Anita,

    Prag... *seufz* Da muss ich auch unbedingt endlich mal hin. Davon träume ich schon lange, und eigentlich ist das von der "Home-Base" meines Manns auch gar nicht so weit weg. Eins nach dem anderen. Dieses Jahr war eigentlich Quedlinburg geplant, aber das ist leider geplatzt.
    (Ja, es platzt dieses Jahr irgendwie alles, was Richtung Ausflug/Urlaub geht. Weimar, Leipzig, Quedlingburg... Hoffen wir auf Berlin.)
    Jedenfalls: Ich freu mich auch. Du kannst es dir sicher vorstellen, wie sehr. Wenn ich daran denke, wie lange mancher von euch schon wartet, dass ENDE zu erfahren... *g*

    GLG
    RAik

  • #7

    Mana (Montag, 04 Juni 2018 09:17)

    Guten Morgen liebe Raik,

    ein sehr interessanter Artikel zu den Würfeln, in deiner unnachahmlichen Art geschrieben, wegen der wir dich lieben und von wegen "lange Blogbeiträge sind nix"... mir kann von dir eigentlich kein Artikel oder keine Geschichte lang genug sein :D.
    Aber im Ernst, ich finde es toll, wie du uns das dargelegt hast und auch, wie sehr du dich da recherchetechnisch reingehängt hast.
    Auch, wenn zwangsläufig nicht alles eins zu eins stimmen wird, so bringst du doch sehr viel Authentizität in die Geschichte und durch deine Begeisterung für die Zeit und das Geschehen lebt sie. Naja, wie eben alle deiner Geschichten :).
    Ob Artikel oder Buch, du bist wie eine Art Leserhirn-Staubsauger und zuzelst einen gnadenlos in den Text. Ich kann mich da dann schlicht nicht entziehen und bekomme, eigentlich wurscht bei welchem Thema :D, ein Grinsen ins Gesicht gezaubert und genieße einfach deinen Schreibstil.

    Liebe Grüße und einen sonnigen Start in die neue Woche

    Mana

  • #8

    Raik (Montag, 04 Juni 2018 11:22)

    Hallo Mana,

    oh oh, verführe mich nicht! "Kein Artikel und kein Buch kann lang genug sein." Wenn das mal nicht den Bosnickel in mir weckt... *lach* Immer schön die Grenzen austesten.
    Leserhirn-Staubsauger... Ich glaube, ich brauche dringend ein T-Shirt, wo das draufstehe. (Ich habe eins, wo Schlumpfleguanavatar draufsteht. Auch aus so einer Laune und Situation entstanden. Ich werde wirklich sehr seltsam angeschaut, wenn ich das trage. *G*) Ich mag auf jeden Fall den Ansatz, der dahintersteckt und freue mich, euch hoffentlich noch sehr häufig das Gehirn rauszusa... Also ein bisschen seltsam klingt das ja schon, nä? *lach*

    Ich wünsche dir einen ebenso guten Start in die Woche und wandere mal ab Richtung Arbeit. ;)

    GLG
    Raik